L(i)ebenswert

Foto Frisörschere

Meine Heldin des Alltags ist meine griechische Friseurin. „Komme ich gleich zu Ihnen“, flötet sie durch den Frisörsalon, sobald ich in der Eingangstür stehe. Mit offensichtlicher Begeisterung verpasst sie gerade der vorhergehenden Kundin unter zu Hilfenahme einer Dose Haarspray das imagegerechte Finish. „Sie dürfen nicht zu nah an das Haar herangehen“, erläutert sie aus dem Zentrum eines mittlerweile dichten Aerosolneben heraus. Dass sie ein großer Freund des flüssigen Stylingproduktes ist, verraten nicht nur ihre geschickten Sprühkünste. „Ich sage immer, die Frisur ist dann perfekt, wenn der Toilettendeckel klebt.“ Na, denn, im Geiste wappne ich mich schon vor ihrem nächsten beherzten Griff zur Dose, der dann meinen Haaren gelten wird. Ich bin an der Reihe und Sofia fliegt mit strahlendem Lächeln auf mich zu. Ihre dunkelhaarige Lockenpracht umrahmt sie wie eine Madonna. Ein beherzter Griff in die rausgewachsene Frisur, eine knappe aber professionelle Begutachtung, und sie weiß Bescheid. „Am Hinterkopf schneide ich die Haare konkav, dann fällt alles schön ineinander.“ Ich vertraue ihr – blind.

Nach den üblichen Vorarbeiten wie Haare waschen, Umhang anlegen und Kaffee servieren geht es los. Schnipp schnapp, ich bekomme kaum mit, dass meine griechische Frisuren-Göttin angestrengt bei der Arbeit ist, so aufgeregt erzählt sie in einer bunten Mischung von ihrer Familie, dem Frisörsalon, dem Bundes-Erstligisten BVB, den Nachbarn und ihrem lieben Kollegen. Der sieht seit Neuestem immer so gut aus. Aber nein, sie sei ja schließlich verheiratet, und zwar griechisch-orthodox! Konnte ich dem unterhaltsamen Teil noch einigermaßen entspannt folgen, bemerke ich inzwischen eine gewisse innere Anspannung. Denn es nähert sich der Zeitpunkt, wo Sofia die Schere beiseite legen und zum Finale, dem Styling, übergehen wird. Bevor ich den Mund aufmachen kann, haben sich zwei Hände voll Schaumfestiger aufs Geichmäßigste in meinem von Natur aus sehr dicken und voluminösen Haar verteilt. Ich möchte Sofia nicht enttäuschen, deswegen spare ich mir die Bemerkung, dass ich einen natürlichen Look bevorzuge. Sie wiederum scheint meine nachdenklich hochgezogene Augenbraue zu bemerken. „Gibt einfach einen besseren Stand.“

Und schon greift sie zum nächsten Werkzeug. Noch nie habe ich einen Frisör mit solch einer Inbrunst die Haare föhnen sehen. Strähne für Strähne wird straff um die Bürste gewickelt und solange dem heißen Luftstrom ausgesetzt, bis einem Hören und Sehen vergeht. Der Blick in den Spiegel entschädigt. Glatt, glänzend und mit einer ordentlichen Innenrolle haben sich die widerspenstigen und eher trockenen Haare in eine mehr als akkurat zu nennende Frisur verwandelt. Und während ich mich noch von allen Seiten betrachte, schiebt sich auf einmal von hinten ein Sprühkopf in das Spiegelbild und ich versinke in einer nicht mehr enden wollende Sprühwolke. Nachdem sich der Nebel gelichtet hat, beschließe ich eine umgehende Anmeldung beim nächsten Doris-Day-look-a-like-contest. Sofias strahlendes Gesicht mit noch strahlenderen 32 Zähnen erscheint über meinem Betonkopf: „Ist doch wieder richtig schick geworden.“ Ist es. Und ich bringe es auch jetzt nicht fertig zu widersprechen. Zwei glühende dunkle Augen prüfen an der Kasse noch einmal kritisch meine beispielhaft ondulierten Haare und ich gebe ein großzügiges Trinkgeld. So viel Leidenschaft und Kunstfertigkeit gehören einfach entsprechend belohnt.

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